Zum Hauptinhalt springen

Vier Söhne

Historisches Schwarz-Weiß-Porträt von Hubert Imhoff

1 – Der Gründer

Die frühen 1920er Jahre im Ruhrgebiet sind Krisenjahre. Die Weimarer Republik ist genauso jung wie innerlich zerrissen, mehr vages Konstrukt als stabiler Staat. In diesen unsicheren Zeiten, in denen die Menschen sich nur zaghaft von den Schrecken des Ersten Weltkriegs erholen, zwischen Steckrübenwinter und Hyperinflation, fasst einer von ihnen einen Entschluss.

Hubert Imhoff ist 33 Jahre alt, als er beschließt, dass er seinen Mitmenschen eine Freude bereiten möchte. Er will dem Grauschleier, der sich in den schweren Nachkriegsjahren auf Gebäude und Gemüter gelegt hat, etwas entgegensetzen: schneeweiße Torten. So kommt es, dass er 1922 eine kleine Konditorei in Essen-Bredeney eröffnet.

Wir wissen heute nicht, ob unser Urgroßvater seherische Fähigkeiten hatte oder ein Optimist mit mehr Glück als Verstand war.

So oder so stellte sich seine Idee bald als Glücksgriff heraus, denn das Leben der Menschen ändert sich ab Mitte des Jahrzehnts. Arbeit, Kohle und Stahl werden erweitert um Freizeit, Folkwang und Gruga. Mit dem Abzug belgischer und französischer Besatzungstruppen brechen ab 1925 im rußgeschwärzten Ruhrgebiet goldene Zeiten an. Und mittendrin: die Konditorei Imhoff. Ob geplant oder nicht, mit ihren feinen Kreationen liefert sie bald den kulinarischen Soundtrack zu den Wilden Zwanzigern.

Dabei hilft sicher die günstige Lage des Geschäfts im Essener Süden, den schon damals der Ruf der „Hollywood Hills des Ruhrtals“ umweht. Das volle Potenzial dieses Standorts soll schon bald sein zweitältester Sohn erkennen und erweitern.

2 – Der Macher

Leo Imhoff wird 1921 zwar mitten hineingeboren in die goldenen Jahre des 20. Jahrhunderts, aufwachsen soll er jedoch in ihren schwärzesten. Mit dem Ende des zweiten großen Krieges beginnt eine neue Zeit – und Leo will davon keine Sekunde verlieren. Nach der Konditorlehre tritt er in das wachsende Familienunternehmen ein, heiratet seine Frau Gisela, wird zweifacher Vater und eröffnet schließlich ein erstes eigenes Restaurant.

1955 wird die Hubert Imhoff KG Pächter des „Parkhaus Hügel“. Das Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag von Alfred Krupp erbaute Haus diente zuvor unter anderem als Mitarbeiterkantine, Ausflugslokal, Lazarett und Offiziersclub alliierter Truppen. Jetzt renoviert Leo das Haus und formt es zu einem gehobenen Restaurant. Es dauert nicht lange, bis sich dessen Lage im Schatten der Villa Hügel als vorteilhaft erweist.

Das Ruhrgebiet ist die Herzkammer des Wirtschaftswunders, und während in Bern Rahn aus dem Hintergrund schießen müsste, bringt in Essen Imhoff einen gastronomischen Ball ins Rollen. Wenn sich hier Politik und Wirtschaft treffen, ist es meist er, der für das leibliche Wohl sorgt. Parallel dazu wächst das Unternehmen, Standorte in Mülheim an der Ruhr und Oberhausen kommen dazu und Leo Imhoff steigt auf bis zum Präsidenten des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA).

Die wirklich legendäre Geschichte aber ereignet sich 1965, als er den Auftrag zur Bewirtung eines Messestandes von Krupp erhält – in der damaligen Sowjetunion. Gesagt, getan packt Leo kurzerhand das gesamte Catering in sein Auto und brettert im Alleingang vom beschaulichen Essen hinter den Eisernen Vorhang bis nach Moskau.

Historisches Schwarz-Weiß-Porträt von Leo Imhoff
Historisches Schwarz-Weiß-Porträt von Hans-Hubert Imhoff

3 – Der Optimierer

Vermutlich weiß Hans-Hubert Imhoff, in welch große Fußstapfen er tritt, als er 1980 als Geschäftsführer in das Unternehmen eintritt. Scheu kennt er keine. Auch nicht in dieser Zeit großen Wandels in der Bonner Republik. Noch riecht es überall nach Zigarettenrauch und Erbsensuppe. Noch rattern beige Dieseltaxis ihre Mercedes-Sterne über graues Kopfsteinpflaster. Noch war Udo Jürgens niemals in New York. Doch der Aufbruch ist schon spürbar.

Briefe kommen per Fax, Uhren ticken digital, Musik läuft auf CD und die ersten Heimcomputer finden ein Zuhause. Die Welt dreht sich jetzt gefühlt täglich schneller, auch im Ruhrgebiet. Und mittendrin steht einer, der sich davon nicht beeindrucken lässt.

Im Gegenteil. Zwischen Ballonseide, Neonfarben und Mikrowelle hält Hans-Hubert fest an Bewährtem. An gehobenem Küchenhandwerk, gestärkten weißen Kragen – und an seinem gebundenen Reservierungsbuch. Wer dort heute hineinblickt, sieht, dass seine Ideen im Laufe der Jahrzehnte zünden. Das Unternehmen wächst weiter.

Das Parkhaus Hügel wird zum Schauplatz unzähliger Staatsempfänge und wandert schließlich in den Familienbesitz. Dazwischen schaut der Papst zum Mittagessen vorbei. Aber Hans-Hubert Höhenflug? Fehlanzeige. Dafür lassen weder das Verantwortungsbewusstsein für über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch der renitente Nachwuchs Zeit.

4 – Der Veränderer

Lange ist völlig offen, ob in Jan Imhoff ein brauchbarer Nachfolger oder ein veritabler Hans Guck-in-die-Luft heranwächst. 2003 halten sich ein Abitur mit anständigem Notenschnitt und ein Freundeskreis mit fragwürdigen Freizeitkonzepten die Waage. Es folgen Zivi statt Bund, abgebrochenes Studium (stattliche anderthalb Semester Biologie) statt absolvierter Ausbildung, Gasse statt Parkhaus.

In Jans persönlichen wilden Zwanzigern sind nur drei Dinge halbwegs beständig: das Spiel im Hockeytor, ein Kettwiger in der Skater-Shorts und seine Reiselust. Immerhin Letztere ist ein Glücksfall, denn sie führt ihn nach Fernost und erweitert nicht nur seinen geographischen Horizont. In einer der unzähligen Garküchen Bangkoks erkennt er, dass Kulinarik mehr sein kann als ein Döner morgens um halb vier am Essener Hauptbahnhof.

Endlich springt der Funke über: Jan Imhoff betritt die Hotelfachschule und verlässt sie als Jahrgangsbester. Doch statt in den Familienbetrieb zieht es den Neo-Streber zunächst zurück nach Asien und in die 5-Sterne-Hotellerie. Erst als der Ruf des Vaters unüberhörbar wird, kehrt er zurück in seine Geburtsstadt. Mit dabei hat er eine (deutlich) bessere Hälfte und Ehefrau Joanne sowie drei hellwache Kinder.

Was leider auch noch ins Gepäck passte: eine Menge Flausen. Die treten schnell zutage, als er loslegt und den Betrieb kräftig umkrempelt. Das zeigt Wirkung. Mit dem mittlerweile in die Jahre gekommenen Essener Bürgertum verscherzt er es sich endgültig, als er das Restaurant des Parkhaus Hügel schließt. Doch wo vorher leere Tische gähnten, ist jetzt Platz für Neues. Und so fragt man sich auch nach mehr als 100 Jahren in nervöser Vorfreude: Was haben die Imhoffs als nächstes vor?!

Porträt von Jan Imhoff